Praktische Theologie I
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Geschichte

Roland Rosenstock
März 2001

Produktives Gedächtnis

Das Evangelische Pressearchiv in München

München ist der einzige Ort in der Bundesrepublik, an dem die evangelische Presse gesammelt und ihre Geschichte systematisch erforscht wird. "In der Mediengesellschaft ist Evangelische Publizistik die reformatorisch-linguistische Lehre vom `Aufs-Maul-schauen´. Mit diesem evangelischen Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv können wir nachverfolgen, wie sich in den vergangenen 150 Jahren Alltagsreligion des Christentums entwickelt und artikuliert haben", faßt der Münchner Professor Michael Schibilsky den Nutzen des Evangelischen Pressearchivs (epa) für die publizistische Forschung zusammen.

Das epa umfaßt die ganze Breite evangelischer Blätter seit 1848. Eine Sammlung von Korrespondenzen und Pressediensten gibt einen Einblick in die Anfangszeit der Presseverbände: Neben der "Urcorrespondenz über neue Nachrichten aus der Heidenwelt" von 1910 können auch die ältesten Ausgaben des Evangelischen Pressedienstes von 1918 eingesehen werden. Auch die Kleinpublizistik und die sogenannte "graue Literatur" sind wichtige Dokumente der kirchlichen Zeitgeschichte.

Wechselvolle Reisegeschichte

Das zweite Untergeschoß in der Schellingstraße in München ist der vorerst letzte Ort einer bewegten Reise von Berlin, über Kassel und Göttingen nach Münster. Die wechselvolle Geschichte der Sammlung begann 1927 in Berlin - Steglitz: Der damalige Direktor des Evangelischen Presseverbandes für Deutschland (EPD), August Hermann Hinderer, gründete in Zusammenarbeit mit den evangelischen Presseverbänden das "Zentralarchiv für das evangelische Schrifttum". Hinderer, der auch Herausgeber des Evangelischen Pressedienstes war, beschrieb den Zweck des Archivs mit den Worten: "Das Zentralarchiv soll durch vollständige Sammlung aller auf deutschem evangelischen Boden erscheinenden Zeitschriften, Nachrichtenblätter, Vereinsorgane, durch deren Ordnung nach sachlichen Gesichtspunkten und durch statistische Erhebungen die Grundlage für eine systematische wissenschaftliche Bearbeitung des deutschen evangelischen Zeitschriftenwesens schaffen".

Eine erste vollständige Bestandsaufnahme der evangelischen Zeitschriftenpresse bis zum Jahr 1929 wurde von Hinderer im "Handbuch der evangelischen Presse" vorgelegt. Dort sind 1928 eigenständige Titel verzeichnet, mit einer Gesamtauflage von fast 16 Millionen Exemplaren. Rechnet man die einzelnen Regional- bzw. Ortsausgaben dazu, kommt man auf fast 4000 Blätter, eine Blütezeit der evangelische Presse, wenn man bedenkt, daß die deutsche Tagespresse im selben Jahr 3356 eigenständige Titel aufwies mit einer Gesamtauflage von 20 Millionen Exemplaren.

Auf der internationalen Presse-Ausstellung "PRESSA" 1928 in Köln präsentierte Hinderer mit großem Erfolg eine Gesamtschau der Blattköpfe des Jahres 1928. Nach seiner Berufung als Honorarprofessor an der Universität Berlin mit einem Lehrauftrag für evangelisches Pressewesen gründete er 1931 das Seminar für Publizistik und erweiterte das Archiv mit Typensammlungen von Flugblättern, Flugschriften und Plakaten. Bei einem Bombenangriff im Jahr 1944 brannte das Archiv aus, auch die ausgelagerten Bestände wurden vernichtet. Es ist der Umsicht von Dr. Rudolf Köhler, dem ehemaligen Geschäftsführer des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Presse (GW), zu verdanken, daß der Gedanke einer zentralen Sammelstelle für evangelische Zeitschriften Anfang der fünfziger Jahre wieder aufgenommen wurde. Mit Unterstützung des GW, das im Jahr 1953 gegründet worden war, und der Landesbibliothek Kassel konnte das "Zentralarchiv für Evangelische Publizistik" am 1. Januar 1955 in der Murhardschen Bibliothek in Kassel offiziell eröffnet werden. Die Mitgliedszeitschriften und Presseverbände lieferten der Bibliothek kostenlos ihre Publikationen. Auch Nachlässe fanden hier eine Bleibe, wie die Schriften und Aufzeichnungen von "Vater" Friedrich Langenfaß, dem Münchner Dekan und Nestor der evangelischen Publizistik im Nachkriegsdeutschland. Bereits 1959 war die Unterbringung des Archivs in Kassel nicht mehr möglich: Für vier Jahre betreute die Universitätsbibliothek Göttingen die stetig wachsenden Bestände.

1963 bot die EKD die Übernahme ihres Zeitungsarchivs in Celle an, das in den ersten Nachkriegsjahren angelegt worden war. Es gelang so, die Bestände bis in das Jahr 1945 zurück zu vervollständigen. Eine Erweiterung konnte in Göttingen aus Raumnöten nicht mehr vollzogen werden. Die Universität Münster erklärte sich bereit, das Archiv zu übernehmen, da es am Institut für Publizistik einen Lehrauftrag für religiöse Publizistik gab. Die Übernahme fand zum 1. Januar 1965 statt, das Archiv erhielt den Namen "Evangelisches Zeitschriften - Archiv" (EZA). Die Bestände wurden neu geordnet, aufgebunden oder in Buchschubern aufbewahrt. Durch Schenkungen kirchlicher und privater Stellen wurde die Sammlung bis in die zwanziger Jahre und bei einzelnen Zeitschriften wie dem "Hermannsburger Missionsblatt" bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts komplettiert.

Die wissenschaftliche Auswertung wurde von Dr. Gerhard E. Stoll, Direktor des evangelischen Presseverbandes für Westfalen und Lippe, betreut. Gerhard Stoll, der auch den Lehrauftrag für religiöse Publizistik wahrnahm, legte in seinem "Entwurf zu einer Religionspublizistik" zusammen mit Prof. Henk Prakke am Institut für Publizistik die Grundlagen für eine funktionale Religionspublizistik. Studierende der Publizistikwissenschaft und der Evangelischen Theologie nutzten das Zeitschriftenarchiv als Quelle für wissenschaftliches Arbeiten. Die Universitätsbibliothek in Münster und das Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (GEP) gaben 1977 ein Zeitschriftenverzeichnis heraus, das 600 selbständige Blätter umfaßt. Der Bestand wurde in das "Zeitschriften-Verzeichnis theologischer Bibliotheken" von 1980 aufgenommen. Nachdem Gerhard Stoll am 11. November 1994 gestorben war, wurde das Archiv in Münster nicht mehr weitergeführt.

Wissenschaftlicher Begleiter

Im Studium hörte Michael Schibilsky die Vorlesungen über Religionspublizistik bei Gerhard Stoll; als sein Nachfolger im Presseverband erhielt er 1996 den Ruf als Professor für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten "Evangelische Publizistik" und "Diakoniewissenschaft" nach München. Nach langwierigen Verhandlungen konnten geeignete Räumlichkeiten gefunden werden, die eine Stellfläche von 400 Regalmetern garantieren. 709 Umzugskartons waren von Westfalen nach Bayern zu transportieren, bevor die Sammlung im November 1997 ihre Bleibe in der Theologischen Fakultät fand.

Zur Zeit können 12500 Bände ausgewertet werden, 350 evangelische Publikationen kommen Monat für Monat hinzu. Durch private Schenkungen konnte im vergangenen Jahr vor allem die Presseerzeugnisse der sogenannten "Deutschen Christen" und eine Reihe von Vorkriegsjahrgänge erworben werden. Das Archiv umfaßt sämtliche Typen evangelischer Printmedien, auch Kinder- und Jugendzeitschriften, Theologisch - wissenschaftliche Zeitschriften, kirchliche Amtsblätter, politisch - kulturelle Zeitschriften, Standes- und Berufszeitschriften, Gemeindeblätter und Verbandszeitschriften. Von den Mitarbeitern des Instituts für Praktische Theologie, vor allem von Markus Springer, wird die Sammlung verantwortlich betreut und pfleglich weiterbehandelt. Frau Dipl. Bibl. Kummer betreut für die Kontaktstelle der Universitätsbibliothek den Eingang der Zeitschriften. Sie hat auch die Aufgabe übernommen, die Bestände über die Zeitschriftendatenbank online zugänglich zu machen. In publizistischen Veranstaltungen werden die evangelische Printmedien von Prof. Schibilsky und einem Assistenten unter historischen, theologischen und sozialgeschichtlichen Fragestellungen ausgewertet. Für die Anfänge der evangelischen Publizistik, die eng mit den Publikationen der Inneren Mission und der Diakonie verknüpft waren, liegen erste Inhaltsanalysen vor. Ein weiterer Schwerpunkt liegt derzeit bei der Auswertung der evangelischen Presse in der ehemaligen DDR.

Die evangelische Publizistik ist als Teil der Praktischen Theologie selbstverständlich in das Lehrangebot der Theologischen Fakultät integriert worden. In Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Presseverband in Bayern werden Theologiestudierende im "Grundkurs Journalismus" bzw. "Öffentlichkeitsarbeit" auf den Umgang mit Journalisten und die Aufgaben einer Gemeindepublizistik vorbereitet. In den Seminaren und Vorlesungen liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Verkündigungssendungen im Rundfunk: Prof. Schibilsky war Sprecher des "Wort(es) zum Sonntag" und Berater der ZDF - Sendung "37 Grad". Ab dem Sommersemester 1999 ist ein Lehrauftrag für "Religion und Film" eingerichtet worden, den der Ingmar Bergman Experte Dr. Hans-Helmut Schneider wahrnimmt. Interdisziplinäre Kontakte bestehen in München vor allem zu den Instituten von Prof. Heinz Pürer, Kommunikationswissenschaften, und Prof. Rüdiger Funiok S.J., Institut für Kommunikationsforschung und Medienarbeit an der Hochschule für Philosophie S.J., der im Netzwerk "Medienethik" führende Wissenschaftler und Medienpraktiker zusammengeführt hat. Eine enge Kooperation hat sich auch mit dem GEP ergeben, das zusammen mit dem Medienfonds der EKD die Finanzierung für das epa sicherstellt.

"Nichts ist weniger aktuell als die Zeitung von gestern, dennoch ist gerade sie notwendig für die Interpretation der aktuellen Vorgänge. Ein Zeitschriftenarchiv repräsentiert das Gedächtnis der Gesellschaft und der Kirche, es gibt der Wahrnehmung der Realitäten erst Perspektive und Tiefendimension; dazu muß das Gedächtnis aber von interessierten Nutzern erst aktiviert werden, um zur Erinnerung an das gelebte Leben und den gelebten Glauben werden zu können.", hat Hans Norbert Janowski, Direktor der Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik, in seinem Festvortrag zur Wiedereröffnung gesagt. Der Medienstandort München ist auch in diesem Sinne ein idealer Ort für eine Kultur des Erinnerns.